Rezension | 14.12.2010

Es ist nicht alles relativ

 

Eliminatorische Ethik

Der „eliminatorische Physikalismus“ besagt, dass wir die gesamte Welt in rein physikalischen Begriffen beschreiben sollten und dass alle anderen Ansätze nur stören. Es gibt ein moralphilosophisches Gegenstück hierzu, das Ethik alleine kulturell oder nur biologisch betrachten möchte.

Der Biologe Edward O. Wilson und der Philosoph Michael Ruse haben geschrieben, dass „Moral, oder genauer unser Glaube an Moral, nur eine Adaption ist, die reproduktiven Zwecken dient“. Der Philosoph Daniel Dennett nannte diese Behauptung „Unsinn“ und fragte: Ist der Zweck der Astronomie nur die erfolgreiche Fortpflanzung? Dient auch die Verhütung nur zur Fortpflanzung? Man könnte auch fragen: Stirbt Europa aus, damit es sich fortpflanzt?

Die meisten Wissenschaftler scheinen zu glauben, dass nur das erste der folgenden drei Projekte, die Harris nennt, in ihren Aufgabenbereich fällt. Für Harris sind alle Projekte der wissenschaftlichen Forschung zugänglich:

 

  1. Wir können erklären, warum Menschen dazu neigen, bestimmte Muster des Denkens und Verhaltens (viele von ihnen nachweisbarerweise albern und schädlich) im Namen der „Moral“ befolgen.

  2. Wir können klarer über moralische Wahrheit nachdenken und bestimmen, welche Muster des Denkens und des Verhaltens wir im Namen der „Moral“ befolgen sollten.

  3. Wir können Menschen, die sich albernen und schädlichen Mustern des Denkens und Verhaltens im Namen der „Moral“ verschrieben haben, davon überzeugen, mit diesen Verpflichtungen zu brechen und bessere Leben zu führen.

 

Laut dem Philosophen und Neurowissenschaftler Joshua Greene ist der ethische Realismus lediglich eine „psychologische Tendenz“, die eine „wichtige biologische Funktion“ erfülle, aber letztlich eine Illusion. Er begründet seine Aussage mit der Behauptung, es gäbe „nicht genügend Uniformität in den zugrundeliegenden moralischen Ansätzen der Menschen, um es zu rechtfertigen, darüber zu reden, was richtig und falsch ist, als wäre es ein Fakt“.

Sam Harris antwortet: „Müssen wir wirklich so eine Uniformität annehmen, um von richtigen Antworten auf moralische Fragen auszugehen? […] Nimmt man die Menschheit als Ganzes, bin ich mir recht sicher, dass ein größerer Konsens darüber besteht, dass Grausamkeit falsch ist (ein geläufiger ethischer Grundsatz), als dass das Verstreichen von Zeit mit der Geschwindigkeit variiert (spezielle Relativität) oder dass Menschen und Krebse einen gemeinsamen Vorfahren haben (Evolution).“

Sind Evolution und die spezielle Relativitätstheorie falsch, weil die meisten Menschen nicht daran glauben und sich nicht einig darüber sind? Sicher nicht. Warum sollte dann eine wissenschaftlich begründete Ethik falsch sein, nur weil sich die Menschen nicht über Ethik einig sind? Man könnte ebenso sagen, dass unsere biologischen Tendenzen nicht dazu geeignet sind, die Wahrhheit über die Ethik herauszufinden, wie sie nicht dazu dienen, die Wahrheit über Biologie und Physik herauszufinden.